Toni Schumacher – 20.09.2024

„Lieber ein Knick in der Karriere als im Rückgrat.“ Toni Schumacher ist eine Torwart-Legende: Europameister, 2x Vizeweltmeister, 2x Deutscher und Türkischer Meister, 3x DFB-Pokalsieger, 2 x Fußballer des Jahres, 1 x Vize-Weltfußballer. Mit seinem Enthüllungsbuch „Anpfiff“ sorgte er für ordentlich Furore. Nach seinem Rauswurf beim 1. FC Köln wechselte er auf Schalke. Im Interview mit Katharina Strohmeyer vom Schalker Echo spricht er über sein Jahr in Gelsenkirchen, die Nacht von Sevillla und Elfmeter-Wetten.

Erstmal noch herzlichen Glückwunsch nachträglich, Sie hatten ja dieses Jahr einen runden Geburtstag.

Vielen Dank, ich hatte es fast schon wieder vergessen.Gerne übrigens „Du“.

Okay. Ist denn der Ehrgeiz mit 70 immer noch so groß, oder verfliegt der so langsam?

Das ist Charaktersache, den kann man nicht einfach ablegen. Ich mache alles, nach wie vor, mit Leidenschaft und Herzblut. Selbst wenn ich Rasen mähe, ja, selbst da will ich der Beste sein und den besten Rasen haben, den es gibt. So bin ich schon durch meine Jahre als Profi geprägt worden.

Ich frage mich gerade, wie der beste Rasen aussieht. Da ist wahrscheinlich ein Vereinslogo reingemäht.

Nein, so weit geht es nicht. Aber da ist kein Unkraut, er ist in Streifen gemäht und als er neu war, hab ich sogar ein Schild gemacht: „Platzsperre“. (Lacht)

Sehr schön! Dann schauen wir auch mal auf den grünen Rasen. Du hast ja unglaublich viele „große“ Spiele gemacht. Gibt es eins, von dem Du sagst: Das war DAS Spiel?

Ja, das war bei der WM 1982 in Spanien das Halbfinale gegen Frankreich. Leider passierte in dem Spiel auch der Zusammenprall mit Patrick Battiston. Noch heute wird dieses Halbfinale als Jahrhundertspiel bewertet: Wir haben in der Verlängerung 1:3 hinten gelegen, das Spiel noch gedreht zum 3:3 Ausgleich und und schließlich im Elfmeterschießen gewonnen – in dem ich dann auch noch zwei Elfmeter halten durfte.

Das war bestimmt sehr emotional in alle Richtungen.

Total! Es war ein Nervenkrimi, Adrenalin pur. Es wurde dieses Jahr sogar als Theaterstück bei den Ruhrfestspielen mit Peter Lohmeyer auf die Bühne gebracht: „Die Nacht von Sevilla. Ein Fußballdrama in 5 Akten“. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass nach über 40 Jahren noch so viel Interesse besteht. Aber alle Aufführungen waren ausverkauft, das Stück hat gute Kritiken bekommen und mir hat es sehr viel Spaß gemacht.

Apropos Kultur: Anfang der 80er bist Du mal von Andy Warhol portraitiert worden. Wie kam denn das zustande?

Ich hab mir ja nie große Autos gekauft, sondern lieber Kunst, da hatte ich mehr Freude dran. Deshalb kannte ich auch einen Galeristen aus Königswinter und der arbeitete eng mit Andy Warhol, vertrat ihn auch in Deutschland. Anlässlich eines Besuchs von Andy Warhol fragte er mich: „Hast Du keine Lust, dass der Andy Dich malt?“ Ich war natürlich begeistert!

Und dann kam er. So ein ganz cooler Typ, schwarze Klamotten, weiße Haare, total introvertiert. Mit seiner großen Polaroidkamera hat der dann 20, 30 Fotos gemacht. Anschließend haben wir uns noch ein bisschen unterhalten. Für Fußball hat er sich aber nicht interessiert, dafür ich umso mehr für seine Kunst. Drei vier Monate später bekam ich dann den Anruf, dass die Bilder fertig sind. Es gab noch eine große Warhol-Ausstellung in Bonn, das war traumhaft!

Außerdem bist Du ja auch selbst Kunstschaffender! Zur WM 1982 hat doch die deutsche Nationalmannschaft mit Michael Schanze zusammen gesungen…

Ich glaube, wir haben sogar eine goldene LP bekommen! Und wir hatten einige Auftritte mit dem WM-Lied… das war eine tolle Erfahrung und hat sicher auch dafür gesorgt, dass wir eine gute, lockere Stimmung im Trainingslager hatten. Damals war es noch nicht wie heute, dass die Spieler auch mal kurz nach Hause dürfen oder Besuch von ihren Frauen bekommen. Wir waren wirklich 4 oder 5 Wochen komplett eingesperrt, nur im Trainingslager.

Stimmt es eigentlich, dass Ihr in der Liga bei Elfmetern damals um Geld gewettet habt?

Ich habe ja immer alles versucht, um meine Gegenspieler zu verunsichern. Aber mit 200 Mark war Paul Breitner nicht unter Druck zu setzen. Irgendwann war das aber so ein Ritual. Ich bin hingegangen: „200?“, dann hat er eingeschlagen, wunderbar. Mit dem Kalle Rummenigge hab ich um 500 Mark gewettet, dass er nicht trifft. Ich glaube, ich habe nen ganz guten Schnitt gehabt damals. (Lacht)

Und das Geld hattet Ihr dann im Stutzen dabei?

Beim Kalle war das auf jeden Fall so. Das wurde dann direkt nach dem Spiel ausgezahlt.

Der Stutzen als Herrenhandtasche, sehr schön! Das erinnert mich so ein bisschen an Walter Frosch, der ja Zigaretten dabei hatte.

(Lacht) Das stimmt, aber geraucht haben wir nicht. Allerdings hatte Frans de Munck, der ehemalige Torhüter vom 1. FC Köln, früher immer einen Kamm im Stutzen. Ein richtig cooler, gut aussehender Typ mit nach hinten gekämmten Haaren. So konnte er auch auf dem Spielfeld zwischendurch mal nachkämmen. Heute gibt´s das nicht mehr. Aber die Schienbeinschoner sind ja auch nur noch so groß wie ein Bierdeckel, da ist gar kein Platz mehr im Stutzen.

Sag mal, wie kam das eigentlich damals, dass Du nach Schalke gewechselt bist?

Ich kannte den Rolli Rüssmann gut aus der Nationalelf. Als ich in Köln rausgeflogen bin, fragten er und Oskar Siebert: „Willst du nicht nach Schalke kommen?“ Eigentlich wollte ich damals in Frankreich unterschreiben, um den Franzosen nach dem ganzen Ärger um den Zusammprall mit Battiston zu zeigen, dass ich nicht so bin, wie es oft dargestellt wurde. Zur geplanten Vertragsunterzeichnung am Flughafen in Paris kamen die französischen Clubvertreter allerdings viel zu spät. Da ich bei Rolli im Wort stand, ihm zu- oder abzusagen bin ich irgendwann zur Post gegangen, da gab es Telefonzellen. Ich rief Rolli an und sagte ihm: „Ich komme nach Schalke“. Als wir danach wieder zurückfliegen wollten, tauchten die Franzosen auf und entschuldigten sich wortreich. Viel Verkehr und so. Aber da hatte ich schon auf Schalke zugesagt.

Wie hast Du Dich denn mit Olaf Thon verstanden?

Ich hatte in meinem Buch „Anpfiff“ über ihn geschrieben. Er hatte sich bei der WM verletzt und ist nach Hause gefahren. Dazu schrieb ich: „Es ist doch dumm, jetzt nicht hier zu bleiben und die besten Fußballer der Welt 1:1 zu erleben“. Das hat die Presse damals ziemlich aufgebauscht. Für mich war daher klar: Ich komme nur nach Schalke, wenn das für Olaf auch okay ist. Sonst kannst Du in der Bundesliga nicht bestehen, wenn Du intern schon gleich Streit hast. Also habe ich mich vorab mit Olaf getroffen und wir haben das aus dem Weg geräumt.  

Leider war das Jahr auf Schalke trotzdem nicht so erfolgreich…

Das stimmt, wir sind leider Gottes abgestiegen. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass ich zu Schalke gegangen bin. Zum einen weil der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger nach meinem Buch dafür sorgen wollte, dass ich nicht mehr in der Bundesliga spielen darf. Meine Antwort: „Wenn Ihr mir verbietet, in der Bundesliga zu spielen, schreibe ich ein zweites Buch. Im Vergleich dazu ließt sich „Anpfiff“ wie Hänsel und Gretel“. Darüber hinaus habe ich auf Schalke fantastische Fans kennengelernt. Und natürlich die Menschen aus dem Kohlenpott. Wir Kölner sind ja eher kumpelhafte Typen. Wir haben keine Tische, sondern Theken in den Kneipen, da stellst du dich  dazu, bist mit jedem direkt beim „Du“ und von daher fand ich, passte ich gut nach Schalke.

In jener Saison musstest Du 84 mal hinter Dich greifen. Was war denn da los?

Wir hatten leider keine eingespielte Mannschaft, weil wir sehr viele Verletzte hatten. Und wir hatten eine sehr junge, unerfahrene Mannschaft. Wenn ich daran denke, wer da alles hochgekommen ist! Da sind so viele Amateure aus der zweiten Mannschaft eingesetzt worden, dass ich am Spieltag manchmal gar nicht wusste, wie der Spieler hieß, der da plötzlich auf dem Platz stand. Und die 84 Gegentore waren lange Zeit Rekord, sind aber dann aber irgendwann mal abgelöst worden. Ein kleiner Trost: Ich war noch nie so häufig in der „Mannschaft des Tages“ im Kicker. Ich hab in dieser Saison so viel drauf bekommen, da hatte ich natürlich auch viele Gelegenheiten, mich auszuzeichnen.

Und dann war das Kapitel Schalke für Dich auch schon wieder beendet, weil Du nicht in Meppen spielen wolltest…

Stimmt, das habe ich damals spontan gesagt. Drei Wochen später stand bei mir zu Hause ein LKW aus Meppen vor der Tür „Meppen grüßt Toni“. Toll geantwortet von Meppen! Und als wir dann später mit dem 1. FC Köln, wie der Liebe Gott das will, in Meppen im Pokal spielten, wurde ich vom Bürgermeister eingeladen, es gab eine große, humorvolle Pressekonferenz. Aber dass mir in dieser traurigen Situation ausgerechnet Meppen einfiel! Ich hätte ja auch ne größere Stadt nennen können. Aber nein, Meppen kam mir in den Sinn. (lacht)

Anschließend ging´s dann nach Fenerbahçe…

Was für ein großes Glück! Ich bin zwar beim 1. FC Köln und bei der Nationalmannschaft rausgeschmissen worden, aber über Schalke kam ich nach Istanbul und durfte eine ganz andere Kultur kennenlernen. Die Freundschaften halten bis heute. Und Istanbul ist einfach eine Traumstadt mit viel Kultur, leckerem Essen und tollen Menschen.

Ihr seid ja Meister geworden in der Türkei, wie war denn da die Stimmung?

Das war noch einmal ganz anders als in Deutschland. Ich hatte ja sowohl bei Köln als auch bei Schalke schon eine Menge positiv verrückter Fans kennengelernt. Aber wenn Du damals in der Türkei gespielt hast, das war noch wie 1001 Nacht. Gegen Galatasaray, Besiktas oder Trabzon war das Stadion oft am Vorabend schon voll. Dann haben die Fans kleine Grills mitgebracht und haben die ganze Nacht lang gefeiert. Und als wir dann Meister geworden sind, ist die Stadt vollkommen ausgeflippt. Sie haben den Verkehr angehalten. Wenn ich in einem Restaurant essen war, sind die Leute aufgestanden, haben applaudiert und so weiter. Unglaublich. Un-unglaublich!

Kannst Du eigentlich auch Türkisch?

Biraz, ja. Das ist auch heute noch schön, wenn ich zum Beispiel einen türkischen Taxifahrer erwische, ein paar Worte wechsele und dann kommt „Ah, Toni Schumaja, kaleci Fenerbahçe, büyük kaptan.“ Ich muss zugeben, das berührt mich noch immer sehr.

Hattest Du eigentlich den Eindruck, dass sich nach Deinem Buch etwas geändert hat?

Auf jeden Fall. Viele Dinge, die ich 1987 gefordert habe, sind ja längst umgesetzt worden. Es hat kein halbes Jahr gedauert, da wurden Dopingkontrollen im deutschen Fußball eingeführt. Natürlich hat der DFB das ungefragt kommentiert: „Aber mit Toni Schumacher hat das nichts zu tun“. Ich hab den vierten Schiedsrichter gefordert, Videobeweis und, und, und. Offensichtlich habe viele Menschen zugehört und nachgehakt. Das freut micht.

Ist das denn in Deinem Sinne umgesetzt worden?

Ich bin heute kein großer Fan des Videobeweises, so wie wir es momentan erleben. Ich wünsche mir eine Vereinfachung und es müsste schneller gehen. Aktuell wird oft das Spiel unterbrochen und dann dauert es manchmal drei, vier, fünf Minuten, bis der Keller, weil sie sich möglicherweise nicht einigen können, dem Schiedsrichter empfiehlt: „Geh lieber mal selbst gucken am Bildschirm“. Was soll das? Da ist noch Luft nach oben..

Im Nachhinein betrachtet: Würdest Du das Buch eigentlich noch einmal schreiben?

Auf jeden Fall! Und zwar definitiv auch während der aktiven Karriere. Denn ich wollte dazu stehen. Ich hab dazu gestanden. Der Preis war sehr hoch, nicht mehr für Deutschland spielen zu dürfen. Dafür habe ich andere wunderbare Erfahrungen gemacht. Mein Motto: Lieber ein Knick in der Karriere als im Rückgrat.

Toni, wir danken Dir das Gespräch.

Foto: Klaus Wieschus

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